Freitag, 19. Juni 2026



Branchenkrise: Warum Ihr Job nicht an Leistung hängt
Tausende "Arbeitnehmer" bangen um ihre Jobs. Warum die Politik scheitert – und was Fach- und Führungskräfte daraus für ihre eigene Sicherheit lernen.


Branchenkrise – nicht nur die Stahlindustrie ist betroffen


Was haben Proteste vor allem in der Stahlindustrie mit der Entscheidungsarchitektur im Management zu tun? Auf den ersten Blick wenig. Doch wer genau hinsieht, erkennt ein Muster, das Fach- und Führungskräften im eigenen Unternehmen immer wieder begegnet. Dieses Muster findet sich derzeit in vielen Branchen wieder.

Das Handelsblatt berichtete am 12. 06. 2026 über die Stahlindustrie in der Krise. Tausende Stahlarbeiter gehen auf die Straße, weil sie um ihre Jobs bangen. Der Artikel beschreibt eine Situation, in der alle Beteiligten – IG Metall, Ministerpräsidenten, Parteichefs – etwas wollen, was das System, in dem sie agieren, systematisch verhindert.

Warum scheitern die propagierten Mittel, obwohl doch alle "guten Willens" sind? Schauen wir uns die Lösungsansätze näher an und ziehen die Parallelen zu Ihrer eigenen Branchenkrise und Karriere-Kontinuität.


Der Industriestrompreis: Die Illusion der Sicherheit


Die Bundesregierung hat einen Industriestrompreis für energieintensive Branchen wie Stahl auf den Weg gebracht. Das geht der IG Metall aber nicht weit genug. Sie kritisiert, dass der Industriestrompreis zeitlich befristet ist (2026 bis 2028), unter Finanzierungsvorbehalt steht und nur "homöopathisch" gegen teure Energie wirke.

Doch der Industriestrompreis ist ein klassischer Widerspruch in sich. Wenn der Staat den Strompreis aus Steuermitteln subventioniert, bleiben weniger Mittel für andere Staatsausgaben (Wohnen, Renten, Bildung …). Zudem verstößt eine dauerhafte Subvention gegen EU-Beihilferecht und marktwirtschaftliche Prinzipien. Der Industriestrompreis wird immer eine befristete Notlösung bleiben. Dauerhafte, vollständige Subventionen für einen ganzen Industriezweig sind in unserem Wirtschaftssystem schlichtweg nicht vorgesehen.

Fach- und Führungskräfte erleben diesen Widerspruch als permanente Unsicherheit. Jede Verlängerung des subventionierten Strompreises wird zum politischen Kampf. Ihre Arbeitsplatzsicherheit hängt plötzlich nicht mehr von ihrer Leistung ab, sondern von Haushaltsverhandlungen im Bundestag. Und dahinter stehen Lobbygruppen.


Wer sich auf Subventionen verlässt, baut sein Haus auf Sand.

EU-Schutzmaßnahmen: Der Bumerang der Abschottung


Die EU beschlossen Schutzmaßnahmen, um die heimische Stahlbranche vor Konkurrenz zu schützen.


"Ein Problem sieht die IG Metall auch darin, dass jährlich weiter mehr als drei Millionen Tonnen Stahl aus Russland nach Europa kämen. Das müsse mit EU-Sanktionen verhindert werden."


Haben "Schutzmaßnahmen" und „Sanktionen“ in den letzten Jahren nicht gezeigt, dass sie zwar den europäischen Markt abschirmen können, aber dies letztlich ein Selbstmord für den Markt ist? (Ganz abgesehen von der meist fehlenden völkerrechtlichen Legitimität.) Der Markt ist ein Weltmarkt. Wenn Europa seinen Markt abschottet, suchen sich russischer und asiatischer Stahl andere Märkte – oder Europa schottet sich noch weiter ab. Beides führt unweigerlich zu Handelskriegen. Die US-Zölle sind die direkte Antwort auf solche Abschottungen.

Diese Lösung produziert das Problem. Jede Abschottung ruft eine Gegenabschottung hervor. Die deutsche Stahlindustrie wird zwischen amerikanischen, asiatischen und europäischen Zollmauern zermalmt.

Wie für die Stahlarbeiter am Hochofen wird auch für Fach- und Führungskräfte ihr Arbeitsplatz zur Geisel der Außenpolitik. Ein Zollstreit zwischen Washington und Brüssel, den Sie in keiner Weise beeinflussen können, entscheidet über Ihre Existenz. Der Ingenieur, der sein Leben lang gelernt hat, Stahl zu optimieren, wird entlassen wegen eines Handelsabkommens, das er nie gesehen hat.


Der Umbau zu „grünem Stahl“: Die perverse Logik der Rationalisierung


Die IG Metall warnt davor, Klimavorgaben in Europa aufzuweichen und damit den Umbau der Branche zu "grünem Stahl" zu gefährden.


"'Wir wollen grünen Stahl produzieren, unsere Stahlwerke werden, soweit es geht, klimaneutral', sagte der Zweite Vorsitzende der Gewerkschaft, Jürgen Kerner. 'Doch die Politik muss konsequent die Möglichkeit dafür schaffen.' Er warnte davor, den europäischen Emissionshandel grundsätzlich infrage zu stellen. 'Das treibt Zehntausende Arbeitsplätze ins Risiko.' Zugleich brauche es Unterstützung für Unternehmen, die die Investitionen in die klimafreundliche Produktion nicht allein stemmen könnten."


Doch selbst die glühendsten Verfechter müssen anerkennen: "Grüner Stahl" ist vorläufig teurer als "grauer Stahl". Die Herstellung mit Wasserstoff statt Kohle benötigt mehr Energie und neue Anlagen. Das Kapital wird diesen teureren Stahl nur produzieren, wenn er sich zu höheren Preisen verkaufen lässt – was im Wettbewerb mit Billigstahl aus Asien aussichtslos ist – oder massiv subventioniert wird.

Dass dieser Widerspruch nicht aufzulösen ist, sagt sogar die Konzernspitze selbst. Thyssenkrupp-Chef Miguel López brachte es schon im März 2025 offen auf den Punkt:


"Ich sehe nicht, wie grüne Energieerzeugung in der nötigen Größenordnung in Deutschland jemals zu wettbewerbsfähigen Preisen realisiert werden kann." (BDEW-Magazin zweitausend50)


Aber Subventionen sind, wie wir bereits gesehen haben, immer befristet und unsicher. Der grüne Umbau zwingt unweigerlich zu Rationalisierung. Die 11.000 Stellenstreichungen bei Thyssenkrupp sind nicht das Gegenteil des grünen Umbaus, sie sind seine notwendige Begleiterscheinung im marktwirtschaftlichen System. Weil "grüner Stahl" teurer ist, muss an anderer Stelle gespart werden: an Arbeitsplätzen.

Dieses Mittel zwingt Fach- und Führungskräfte in eine geradezu perverse Logik. Ihre Gewerkschaft kämpft für "grünen Stahl", und genau dieser "grüne Stahl" macht einen Teil ihrer Kollegen und sie selbst überflüssig. Die Führungskraft, die den Umbau zu Wasserstofftechnologie führt, fördert gleichzeitig den Abbau ihrer eigenen Abteilung.


Die verborgene Ursache: Das Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate


Der Artikel im Handelsblatt zählt viele Ursachen auf: Wirtschaftsflaute, Billigstahl aus Asien, US-Zölle, teure Energie. Doch das sind lediglich Erscheinungsformen, nicht die eigentliche Ursache.

Im Kapitalismus müssen Unternehmen immer mehr Kapital investieren – in Maschinen, Technologie, "grünen" Umbau – um wettbewerbsfähig zu bleiben. Aber der Profit sinkt im Verhältnis zu diesem investierten Kapital. Die einzige Stellschraube für das einzelne Unternehmen sind oft die Lohnkosten, sprich: Arbeitsplätze.

Der Handelsblatt-Artikel zeigt für die Stahlindustrie die Symptome: Stellenstreichungen, Produktionsrückgang auf einen Tiefstand seit 2009, Krise in Kundenbranchen. Aber die Ursache, die innerkapitalistische Logik, wird nicht thematisiert. Stattdessen wird auf die Politik, Energiepreise, Asiaten oder Russen gezeigt.

Und in anderen Branchen?

Nach einem NDR-Bericht vom 19. 06. 2026 erklärte beispielsweise VW-Chef Blume, die "laufenden Sparprogramme zeigten zwar Wirkung, Probleme sieht Blume aber in Zöllen, Handelsbarrieren und geopolitischen Risiken." Sparen ließe sich nur an Lohnkosten. Insgesamt rechnet der Verband der Automobilindustrie branchenweit mit "einem Beschäftigungsverlust von 225.000 Arbeitsplätzen bis 2035". - Also auch hier das gleiche Bild.


Was bedeutet das konkret für Fach- und Führungskräfte?


Für Fachkräfte (Ingenieure, Meister, Techniker)

Entwertung des spezifischen Wissens: Sie sind Experten für eine Produktionsweise, die schrittweise abgeschafft wird. Die neue Produktionsweise erfordert anderes Wissen.


Konkurrenz untereinander: 11.000 Stellenstreichungen bedeuten, dass Fachkräfte gegeneinander ausgespielt werden. Der Jüngere, der Billigere, der Flexiblere behält seinen Job – nicht zwingend der Beste.


Geografische Entwurzelung: Wer seinen Job in den regional konzentrierten Stahlstandorten verliert, muss oft umziehen oder pendeln.

Für Führungskräfte (Betriebsleiter, Bereichsleiter)

- Die unmögliche Position: Sie sollen den grünen Umbau vorantreiben und gleichzeitig Stellen abbauen. Sie werden zum Blitzableiter für den Zorn der Belegschaft.


- Die eigene Entbehrlichkeit: Eine Führungskraft, die einen Rationalisierungsprozess erfolgreich abgeschlossen hat, macht ihre eigene Funktion oft obsolet. Wozu noch den teuren Betriebsleiter, wenn der Prozess standardisiert ist?


- Die Illusion des Aufstiegs: Die Position schützt nicht. Die Stellenstreichungen betreffen alle Ebenen.

"Die Axt im Haus erspart den Zimmermann." – Friedrich Schiller, Wilhelm Tell


Der Artikel beschreibt eine Tragödie in drei Akten.

- Die Stahlindustrie ist in der Krise durch systemische Zwänge.


- Alle Beteiligten wollen "das Richtige".


- Trotzdem werden Arbeitsplätze vernichtet, weil keiner der Akteure das System selbst infrage stellt.

Die Lösungen scheitern nicht, weil sie falsch wären, sondern weil sie im Rahmen des Systems nicht richtig sein dürfen. Ein System, das auf Profit und Konkurrenz beruht, kann Arbeitsplätze nicht dauerhaft sichern. Das ist kein Branchenproblem – das ist ein Systemproblem.

Für Fach- und Führungskräfte bedeutet das eine klare Erkenntnis:

Ihre individuelle Qualifikation, Leistung oder Loyalität schützt Sie nicht – gleich, in welcher Branche. Sie sind austauschbare Kostenfaktoren in einer Bilanz, die unter dem Zwang der Weltmarktkonkurrenz steht. Wer das versteht, kann anfangen, seine eigene Entscheidungsarchitektur so aufzubauen, dass Status und Kontrolle gesichert bleiben. Das bedeutet Asset-Protection, Existenzsicherung und die Vermeidung von Haftungsrisiken auf Board-Level. Bauen Sie Ihre Position strategisch aus, bevor die Konsequenzen nicht mehr umkehrbar sind.

Wie aufschlussreich fanden Sie diesen Artikel? Wie denken Sie darüber? https://bit.ly/4oAbV7s

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