Mittwoch, 18. Oktober 2017

Auch so kommt man zur Abfindung

Air-Berlin geht Pleite. Mitarbeiter verlieren ihren Job oder werden mit Unternehmensteilen verkauft. Tickets der Kunden werden wertlos - Geld weg. Verluste für alle?

Abfindung - "Oscar für soziale Kaltschnäuzigkeit"

Was wurde aus dem Kapitän, als die Titanic sank? Was wird aus dem Chef von Air Berlin in ähnlicher Situation?
"Während rund 200.000 Kunden wegen der Pleite wertlose Tickets besitzen, bekam der Chef der Airline, Thomas Winkelmann, rechtzeitig vor dem Aufprall eine Insolvenzversicherung ausgestellt. Über vier Millionen Euro Gehalt werden demnach bis 2021 an ihn ausgezahlt."
War die Insolvenzversicherung - nur für den Chef - eine Vorsichtsmaßnahme, eine Risikobegrenzung, oder eine Prämie für die Pleite? Schließlich kam er erst im Februar von der Lufthansa (die sich jetzt die Rosinen herausgepickt hat) zu Air Berlin.

Dass Manager eine andere Moral haben als Mitarbeiter oder Kunden, ist normal in der Gesellschaft. Dass diese gar rechtlich geschützt ist - ist auch normal. "In einer Hütte denkt man anders, als in einem Palast".

Tilman Neuscheler nennt es in der FAZ moralisch "Instinktlos".

Armin Himmelrath meint im SPIEGEL:
"Garantierte Millionen für den Chef, drohende Arbeitslosigkeit für die Mitarbeiter: Bei Air Berlin ist die Belegschaft sauer."
Dass Rechtsanwalt Martin Hensche solche Abfindungen kaufmännisch betrachtet als Tauschgeschäft bezeichnet, bei dem der Arbeitnehmer den rechtlichen Bestandsschutz für sein Arbeitsverhältnis gegen Zahlung einer Abfindung eintauscht, spricht meiner Meinung nach nicht gegen das Recht. Es lässt nur drastisch deutlich werden, wem dieses Recht nutzt.

"Der Stärkere hat immer Recht" - lautet ein deutsches Sprichwort.

Demgegenüber wird in rp-online.de vom 21.10.17 der "Generalbevollmächtigte" Frank Kebekus zitiert, der alle Kritiker der "Gehaltssicherung" für Thomas Winkelmann scharf angreift:
"Diese scheinheilige Diskussion könnte zu der fatalen Konsequenz führen, dass fähige Manager bei solchen Sanierungsfällen nicht mehr einsteigen. Das Opfer wären die Belegschaften solcher Unternehmen. Käme jemand auf die Idee zu sagen, dass ein Chirurg sein Gehalt nicht bekommen kann, weil eine Operation nicht gelang?"
SWR-Wirtschaftsredakteurin Sabrina Fritz erahnte wohl diese "Argumentation". Auf swr.de am 19.10.17 kommentierte sie bereits: "Falsche Anreize für den Manager". Dabei verwies sie auch darauf, dass das nicht der erste Fall dieser Art ist:
"Und noch ein Gedanke: Kämpft ein Manager, der sein Gehalt sicher in der Tasche weiß, wirklich noch mit Leib und Seele für den Erhalt des Unternehmens? Oder wurde der ehemalige Lufthansa-Manager nur eingestellt, um einen Käufer für den Pleiteflieger zu finden? Dann hat er seinen Job richtig gut gemacht, denn Lufthansa bekommt den Löwenanteil von Air Berlin. So ein Zufall, dass Winkelmann früher bei Lufthansa gearbeitet hat. Konnte er die Verhandlungen überhaupt neutral führen?

Es gab schon mal einen ähnlichen Fall in Deutschland. Karl-Gerhard Eick bekam 15 Millionen Euro für sechs Monate Arbeit; dafür, dass er Karstadt in die Pleite begleitet hat. Ein Argument für diese Verträge ist oft, man hätte sonst keinen guten Manager gefunden. Doch wer ein Schiff übernimmt, das am Absaufen ist, sollte zuerst an das Unternehmen und dann an den eigenen Geldbeutel denken."

Übrigens gilt (steuer-)rechtlich eine Abfindung als Entschädigung für den Verlust des Arbeitsplatzes und der damit verbundenen Einkünfte. Ein Anspruch besteht darauf nur in wenigen Fällen. Abfindungen sind Verhandlungssache.

Stellt sich nur noch die Frage: Hat Thomas Winkelmann die Insolvenzversicherung als Entschädigung verliehen bekommen oder kaltschnäuzig in "Raffke-Mentalität" im Angesicht der Pleite verhandelt? Und wer waren in den beiden Fällen die Partner, die dieses Spiel mitgemacht haben? Denn es gehören ja immer mindestens zwei Personen zu solch einem Geschäft?


Einverstanden damit, muss man jedoch nicht sein. Selbst dem durchaus nicht managerfeindlichen Handelsblatt stößt das auf:
"Fazit: Ein Wirtschaftssystem, das solche Ungerechtigkeit zulässt, darf sich über die Verachtung seiner Gegner nicht wundern. Gäbe es einen Oscar für soziale Kaltschnäuzigkeit, hätte Winkelmann ihn sich redlich verdient."(Gabor Steingart, Morning briefing, 18.10.17)
Und wie geht es den Beschäftigten von Air Berlin?
 Wo sind - um das Bild von der Titanic aufzugreifen - die "Rettungsboote" für die Mitarbeiter?

Gehen ein Betrieb oder Teile eines Betriebs an einen anderen Inhaber über (beispielsweise die Lufthansa), so gelten gem. BGB § 613a für die Beschäftigten Rechte und Pflichten bei Betriebsübergang.

Wer nicht das "Glück" hat, mit dem Betrieb verkauft zu werden (wie das bei Lohnsklaven nicht selten vorkommt), ist auch nicht ganz rechtlos. Vielleicht hilft dazu der Hinweis auf den Beschluss des Bundesarbeitsgerichts vom 22.01.2013. 

Ansonsten bleibt wohl zunächst Angst.

Auf RTLNEXT findet sich der Titel:
"Air-Berlin: Millionenabfindung für den Chef – Job-Angst für die Mitarbeiter"
Im manager-magazin wird die mögliche Alternative für die Beschäftigten aufgrund der "Arbeitsangebote" beschrieben als Weg "Von der Flugkabine in den Knast?"